11

Nov

2012

Kalk-Kaseinleimfarbe


11.11.2012, 9°C


Ich muss gestehen, ich hatte mir das alles einfacher vorgestellt mit der Kalk-Kaseinleimfarbe und war zwischendurch ziemlich deprimiert über den schlechten Verlauf. Zum Glück schien sich das zum Ende des Tages hin alles zu klären, doch eins nach dem anderen.

Der Kalk Kaseinleim wird angerührt

Zu behaupten die "Fachliteratur" wäre sich einig über die genaue Zusammenstellung oder Anwendung von Kalk-Kaseinleimfarbe wäre schlichtweg gelogen. Annika hatte mehrere Bücher und wir beide noch diverse Internet-Seiten durchwühlt und letztendlich viele unterschiedliche Herangehensweisen ermitteln können. Natürlich behauptete jeder, dass die jeweils angepriesene Lösung die einzig Wahre sei, sodass wir letztendlich das Gefühl vermittelt bekamen, dass keiner wirklich eine Ahnung hatte und alle sich das irgendwie voneinander zusammengeklaubt hatten. Es war die Rede von Alaunsalz als Tiefengrund, dann mischte sich das mit Kaseinleim und ging mehrmals wirr in unterschiedliche Putzarten (Lehm, Kalk, Zement, Gips) über.

Was fehlte war eine anständige Matrix, die je nach Untergrund einen sinnvollen Lösungsweg mit Erklärung auflistet. Was man als Leser bekommt sind viele Fakten, oftmals wild durcheinandergewürfelt und mit fehlendem Hintergrundwissen. Da hilft es dann nur sich die Informationen einzeln aus unterschiedlichen Medien zusammen zu suchen und eine neue Wahrheit zu dichten. Wir haben etwas herausdestillieren können das uns als plausibel erschien und werden diesen Weg nun beschreiben. Vielleicht hilft es jemandem.

Die Kalk-Kaseinleimfarbe anmischen

Die Basis der Kalk-Kaseinleimfarbe stellt der Kalk-Kaseinleim dar. Auf dem obersten Foto bin ich gerade dabei diesen anzumischen und auf dem folgenden Foto sieht man links den Kalk-Kaseinleim und rechts mehrere Kilo Sumpfkalk (Weißkalkhydrat über einige Wochen in Wasser eingesumpft, kein historischer).

Wir haben den Kalk-Kaseinleim folgendermaßen hergestellt:

  • 2kg Magerquark (5 Teile)
  • 400g Sumpfkalk (1 Teil)
  • Einige Minuten durchrühren und dann 10 Minuten ruhen/reifen/ziehen lassen

Die Ruhezeit scheint wichtig, damit das Kasein vom Kalk erschlossen werden kann. Auch ist das Mengenverhältnis wichtig aber das wurde nicht so ganz klar, denn der Kaseinleim wird auch für andere Rezepte verwendet, in denen nicht anschließend große Mengen Sumpfkalk hinzugegeben werden. Wir haben uns einfach an die Standzeit gehalten ;-) .

Links der Kalk Kaseinleim und rechts der weitere Sumpfkalk

Danach kam die "Farbe" ins Spiel: Ein riesiger Haufen Sumpfkalk als Pigment- und Kalkspender.

Das sind 9,6kg Sumpfkalk

Das sind 2,4kg Kalk Kaseinleim

Das Verhältnis von Sumpfkalk zu Kalk-Kaseinleim war 1:4. Wir hatten also 2,4kg Kalk-Kaseinleim und 9,6kg Sumpfkalk.

Der Kalk Kaseinleim trifft auf den Sumpfkalk

Als nächstes fügten wir Leinölfirnis (eigentlich Halböl) hinzu. Wieder ein schönes Thema warum man das als Halböl (also verdünnt) einsetzen sollte, allerdings ohne konkretes Resultat, außer dass es dann nicht so dickflüssig ist. Zum Verdünnen des Leinöls haben wir das Naturprodukt Balsamterpentin (kein Terpentinersatz bzw. Testbenzin) verwendet und im Verhätnis 1:1 mit dem Leinöl gemischt. Der Gesamtanteil des Halböls lag bei ca. 3% der Kalk-Kaseinleim-Masse – also ca. 360g.

Konkret haben wir ca. 180g Balsamterpentin mit ca. 180g Leinöl gemischt und damit 360g erhalten, die wiederrum 3% der Kalk-Kaseinleimmasse darstellen.

Leinöl und Balsamterpentin ergeben Leinölfirnis

Ein Teil Leinöl und ein Teil Balsamterpentin sind Leinölfirnis

Das Leinölfirnis (nein, Halböl!) wurde den bestehenden 12kg Kalk-Kaseinleimfarbe hinzugegeben und ordentlich durchgemischt. Durchmischen ist wichtig, wie wir festgestellt haben. Immer zwischendurch mal durchrühren, denn der Kalk versammelt sich sonst am Boden des Eimers wo ihn keiner braucht. Mehr dazu gleich.

Der Brei aus Kalk Kaseinleim und Sumpfkalk wird mit Leinölirnis gepimpt

Den Geruch des Gemisches muss man einfach mögen. Sumpfkalk an sich ist recht neutral und doch angenehm, doch die Mischung aus Leinöl und Balsamterpentin schafft ein olfaktorisches Erlebnis der besonderen Art. Wir konnten uns nicht entscheiden, ob es jetzt nach Harz, Sauna oder Medizin roch aber es gefiel uns und das hob die Moral auch als es nicht so gut lief, denn es wirkte frisch und energisch.

Fertig ist die Kalk Kaseinleimfarbe

Die Werkzeuge und weitere Vorbereitungen

Es ist unglaublich wie viele unterschiedliche Werkzeuge es geben soll um die Farbe an die Wand zu bekommen. Es gibt spezielle Quaste aus Naturbosten oder aber die stets beliebte Wurzelholzbürste, die wohl von Haus aus mit Naturbaumagie geladen ist. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Wurzelholzbürsten natürlich antistatisch sind – ob das jetzt der Grund ist, warum diese überall bevorzugt werden? Wir haben uns jedenfalls für anständig wirkende Chinaborsten-Pinsel (Haarpinsel) entschieden, auch wenn diese nur für Lösungsmittel verdünnbare Lacke und nicht wässrige empfohlen werden (die Borsten quellen wohl auf). Wir werden es sehen und berichten. Wenn die Farbe an der Wand bleibt sind wir glücklich und brauchen daraus keine Zauberei zu machen.

Die Pinsel für die Kalkfarbe

Die graü mit Kalkputz verputzte Wand im Büro

Das Kalk-Kaseinleimfarben-Maler-Set bestand nun aus: Der Kalk-Kaseinleimfarbe, dem Pumpwassersprüher (zum Befeuchten des Kalkputzes) und den Pinseln. Zur Veranschaulichung der eigentlichen Arbeit wird noch eine Zeitraffer-Aufnahme aufbereitet. Wir sind wie folgt vorgegangen:

  • Wände mit Wassersprüher befeuchten
  • Dünn die Kalkfarbe auftragen
  • Dann nochmal die Kalkfarbe dünn auftragen

Kalk Kaseinleimfarbe Pinsel und Pumpspritze

Das Dilemma der schlecht deckenden Kalk-Kaseinleimfarbe!

Das Ergebnis war ernüchternd, wenn nicht erschütternd. Ich war zumindest ziemlich niedergeschlagen und war froh darüber, dass Annika mir mit Tipps und Recherche zur Seite stand.

Die Farbe schien überhaupt nicht zu decken. Der Leim (ja, es streicht sich tatsächlich wie Leim aus der Tube) sammelte sich hinterrücks zu Tropfen und begann "Nasen" zu bilden an Stellen vor denen man glaubte Ruhe zu haben. Nach dem ersten Anstrich kam ich mir vor wie das abwehrende Kanonenschiff von Space-Invaders: Die Wand war zerbombt und trotzdem hatten es hier und dort Nasen geschafft zu überleben. Irgendwas stimmte nicht.

Zu allem Überfluss haben sich die dünnen, feinen Risse gleich beim ersten Anstrich mit Kalkpigmenten vollgesogen und schienen wie helle Striche in dem ansonsten sehr dürftigen Anstrich durch. Welch' Schmach!

Die zweimal gestrichene Bürowand

Nachdem ich die Hälfte der Farbe verarbeitet hatte, fiel mir auf, dass sich im Eimer ein Ölfilm gebildet hatte. Das konnte nicht richtig sein, also rührte ich die Farbe mit einem Holzstock durch. Dabei fiel mir auf, dass sich am Boden ein dicker Kalksut gebildet hatte. Meine Pigmente lagen alle auf dem Boden des Eimers!

Neue Erkenntnis! Die Kalk-Kaseinleimfarbe muss regelmäß umgerührt werden, damit die Kalk-Suspension erhalten bleibt!

Das Leinölfirnis schwimmt obenauf

Am Boden der Kalk Kaseinleimfarbe hat sich der Kalk abgesetzt

Ich beschloss zumindest diesen Wandabschnitt im Büro fertig zu stellen und mich nicht aufhalten zu lassen. Vielleicht würde es mit der Zeit besser werden?

Annika unterstützte mich weiter mit Recherchen aus Büchern, Fotokopien und Internetartikeln, während ich im Schützengraben lag und den Pinsel schwang. Einige Texte sprachen von 2-3 Anstrichen, andere von gar 5! Prinzipiell könnte ich damit leben, wenn der Vorgang mit dem Pinsel nicht so unglaublich lange dauern würde… vielleicht doch einen Kalk-Quast kaufen?

Links wurde gestrichen rechts noch nicht

Ein neuer Versuch woanders

Nach einer Essenspause und etwas Ruhe wollte ich noch einen Versuch woanders starten. Also wurde die Farbe ordentlich durchgerührt (das machte ich nun ständig) und der Pinsel an dem kleinen Mauervorsprung neben dem Stromverteiler geschwungen. Zu meiner Überraschung deckte die Kalk-Kaseinleimfarbe hier unglaublich gut. Der erste Anstrich war besser als zwei auf der vorherigen Wand. Dann fiel Annika auf, dass ich vergessen hatte vorzunässen *stöhn*. Die Literatur ist sich auch hier vollkommen uneinig: Mal heißt es "Nass in Nass" arbeiten, dann "jede Schicht muss einzeln karbonatisieren". An einer Stelle dann die Hiobsbotschaft, dass die Kalk-Kaseinleimfarbe sich nicht halten könne wenn nicht vorgenässt wurde. Ich hatte die Nase voll und ließ mich von dem Spruch meiner Großmutter leiten: "Probieren geht über Studieren". Ob die Farbe "abkreidet" werde ich berichten.

Wir sind uns noch nicht ganz sicher, glauben aber dass die gute Deckung mehrere Gründe haben könnte:

  • Der Kalkputz im Büro wurde noch "glatt" erstellt und nicht so intensiv mit dem Schwammreibbrett aufgeraut, weshalb hier die Kalk-Kaseinleimfarbe evtl. nicht so gut hält (ab dem Hobbyzimmer wurden alle Wände aufgeraut)
  • Die Farbmischung hätte vielleicht länger reifen müssen
  • Der Kalk hätte öfter aufgewirbelt werden müssen, damit die Suspension bestehen bleibt (die Pigmente!)
  • Der Kalkputz braucht evtl. nicht vorgenässt zu werden

In den kommenden Tagen werden wir von den weiteren Fortschritten berichten und wie wir das Problem in den Griff bekommen (wir werden es in den Griff bekommen).

Beim Wandvorsprung klappte das Kalken besser

Neue Erkenntnis!

Für den ersten Anstrich eine ordentliche Deckung

Etwas Lehm abschaben

Um mir dann den Kalk-Kaseinleimfrust von der Seele zu arbeiten, bereitete ich noch die letzte Lehmwand (die andere Seite der langen Flurwand) vor. Sie wurde vorgenässt, glatt geschabt und abgefegt damit ich demnächst hier den letzten Kalkputz aufbringen kann.

Die Flurwand wurde gleichmässig abgeschabt

Zumindest das hat wie erwartet geklappt aber da habe ich ja mittlerweile Erfahrung mit ;-) .

Die lange Flurwand aus sicht des Hobbyzimmers

  1. Kommentare
    1. Ann-Christien · 12.07.2015 · 19:41

      Ich verzweifele grade auch beim ersten Versuch mit der Kalkfarbe! Ich habe ganz ähnliche Angaben zu den Mischungsverhältnissen recherchiert, mit einer Abweichung: es ist überall die Rede von einer ganzen Menge Wasser zum Verdünnen der Farbe. Habt ihr sie auch verdünnt? Danke schonmal für eine Antwort!

    2. Matthias · 16.11.2012 · 15:28

      Aber sehr schön, aus Quark und Co. Wir waren da eher Weicheier und haben Kreidezeit Marmormehlkasseinfarbe aufgemischt. Auch dort: Nach dem Streichen wenig Deckkraft - trocken = strahlend gleichmaessig weiss.

* wird nicht veröffentlicht